Nicht du - Alex im Sommer der grünen Haare

Liebe Marie,

es ist eine Weile her, dass wir gemeinsam auf einer Wiese rumhingen. Damals waren wir noch wesentlich unbekümmerter. Wir trafen uns schon am Nachmittag, noch mit anderen, spielten gemeinsam das Sportspiel, das in diesem Sommer Mode war, tranken Bier vom Späti, und wenn die Sonne dann endlich sank, waren meistens nur noch wir beide da, weil alle anderen weg waren, noch weiterziehen wollten, oder weil wir uns davon gemacht hatten. Wenn du da warst, waren wir beide immer Teil des harten Kerns. Mal mit anderen, die uns gepasst hatten, mal Ramona, mal Nora, aber über die Jahre betrachtet, immer nur wir. Du bist die Konstante meiner Sommer, von der Studienzeit unter Menschen bis hin in die Pandemie, alleine im Garten mit Kaninchen, von denen ich mir sicher war, dass sie mir irgendwann geantwortet haben.

Wenn ich die Augen schließe, Marie, und an dich denke, dann hast du wieder grüne Haare, wie in dem einen Sommer, den du mich besucht hast. In meiner Erinnerung geht immer gerade die Sonne unter und der Himmel wird erst gold, dann rot, dann lila geflutet. Aber immer nur diese drei Farben. Nie ganz blau, nie ganz schwarz. Ein Unort zwischen allen Welten. Nur der Sonnenuntergang im Sommer der grünen Haare, befreit von allen Ketten von Zeit und Raum. Eine Erinnerung. Ein Lebensgefühl.

Es war 2016, der Feminismus war gerade mal wieder im Kommen, nachdem es Silvester ein Medienspektakel zu sexuellen Übergriffen in Köln gab, die angeblich durch Geflüchtete oder Zuwanderer getätigt wurden. Niemand konnte mehr überblicken welche Einschätzung hier nicht von Sexismus oder Rassismus eingefärbt war und was tatsächlich passiert war und wo das eigentliche Problem lag: in den Übergriffen, der Integration, dem Sexismus, der Berichterstattung. Immerhin wurde endlich auch in der breiten Öffentlichkeit über Sexismus geredet und wir fühlten uns, als würde jetzt ein neues, besseres, umsichtigeres Zeitalter beginnen.

Ich weiß schon, dass unser Sommer damals genau so unangenehm endete, wie alles im Leben, aber das Ende war eine andere Erinnerung, eine zweite, die an genau so einem Sommerabend statt fand und nur durch so viele Sekunden vom Sommer der grünen Haare getrennt war, wie die Sonne braucht, um über dem Horizont zu verschwinden. Ich glaube gerne, dass wir bis dahin unser vergängliches Kapital an Jugend und Schönheit genutzt haben, auf der Wiese, deine Haare genau so grün wie das Gras, damals noch, dein Kopf lag auf meiner Brust. Da wo mein Herz war, da warst immer du. Ich konnte deine Hand nehmen und ich wusste, dass du da bist und das war das schönste Gefühl. Wir kannten uns schon lange genug, um zu wissen, dass wir es miteinander aushalten würden, aber irgendwie lernten wir uns doch auch in der Zeit erst selber richtig kennen, sodass es war, als wären wir neue Menschen. Wir hatten Semesterferien und das einzige, was mich belastete, war, dass du wieder in deine Stadt gehen musstest und ich in meiner zurückblieb. Ich sah dich dann an, und ich wusste, es war mehr als Liebe. Es ging nichtmal um Sex, auch wenn ich die ein oder andere Gelegenheit nutzte, um im Liegen über deine Schulter in dein enges, türkisfarbenes Top zu schielen. Ich wollte dir einfach nahe sein, dich bei mir haben. Ich wollte, dass du bleibst.

Als dann die Sonne untergegangen war, mitten in der größten Glückseligkeit, konnte ich nicht mehr. Das war es dann, das Ende der einen und der Beginn der neuen Erinnerung. „Was ist mit uns?“ hatte ich gefragt und Tränen kullerten aus meinen Augen, schnell, ganz viele. Heiß, aktuell, brandaktuell. „Sollten wir nicht ein Paar sein?“ Du hattest deinen Kopf zu mir gedreht und mich so angesehen, ein bisschen, als würdest du abwägen, was du von meinem Vorschlag zu halten hättest. „Ich finde eigentlich nicht.“ Und da wars dann, ich hatte meine Antwort und das Ende der ganzen Rumtanzerei. Und plötzlich war der Sommer vorbei und unsere Jugend war aufgebraucht. Was macht man nach einer Zurückweisung? Wofür das alles? Was will ich eigentlich von meinem Leben? Es war nicht die Karriere und du durftest es nicht sein. Für die Altersvorsorge? Irgendwie warst du der Punkt gewesen von... allem. Aber scheinbar bist du das wohl doch nicht. Und ich war nie der Typ Mensch, um lange rumzubohren oder zu diskutieren. Die Lady hat Nein gesagt. Und das letzte was ich tun würde, wäre dagegen anzugehen. Was macht man? Weiter macht man.

Das sind sie, die zwei Erinnerungen an den selben Abend, über die ich niemals hinwegkommen werde. Heute noch lebe ich gerne in der Ersten, zeitlos, randlos, in der naiven Hoffnung, dass es wieder mal klappen könnte mit uns. In dieser Zeit, als ich so sicher war, dass das „werden sie oder werden sie nicht“, sich zu meinen – unseren – Gunsten entschieden hätte. Immer wieder holt mich aber diese zweite Erinnerung ein und die Sonne geht wieder unter, weil ich sie eben doch nicht ewig am Himmel halten kann.

Heute noch, jedes Mal wenn sich die Scheibe über den Horizont schiebt, stirbt ein wenig von mir.