Die Königin am Ostplatz

Ein paar Leute warteten bereits auf mich. Jeden Morgen nach dem Aufstehen um halb acht öffnete ich mein Fenster und da sah ich sie. Viele gingen vorbei, einige blieben stehen, mit neugierigen Augen nach oben, zu mir. Ein älteres Pärchen an der gegenüberliegenden Hauswand hatte den besten Blick auf mich. Sie sahen mir erwartungsvoll entgegen. Sie standen da jeden Morgen. Das ist meine Fangemeinde, dachte ich. Wer hat schon eine Fangemeinde?

Ich wollte sie nicht enttäuschen. Ich zog meinen Bademantel enger und lehnte mich gegen das Fenstergeländer in die kalte Morgenluft. Der Mantel war warm genug, dass ich keine Hosen darunter tragen musste. Manchmal konnte ich so Tage verbringen, ohne mich richtig anzuziehen. Zumindest bis meine Vorräte leer waren und ich mich dem immer-wiederkehrenden Kampf mit der wahnsinnigen Kaufland-Meute stellen musste. Ein Blick in die Morgenröte und ein tiefer Atemzug. Dann öffnete ich den Mund zum Singen.

Morning‘s here the morning‘s here sunshine is near the sky is clear

Es war ein Ritual. Das Lied hatte ich mal irgendwann im Fernsehen gehört. Zuerst war mir nicht klar, dass man mich unten am Platz hören konnte. Ich bemerkte meinen Irrtum durch Beifall. Und der Beifall gefiel mir. Also sang ich weiterhin jeden Morgen, dann wenn die Sonne den Mond ablöste, so dachte ich mir, für den ganzen Ostplatz und doch eigentlich nur für mich. Es war ein Ausdruck der Freude, weil ich aufwachen durfte. Und nicht in der Kälte zurückblieb. Bei ihm.

Einer begann zu klatschen. Zwei andere ließen sich anstecken. Das ältere Pärchen drehte sich einfach nur weg, als könnten sie jetzt endlich mit ihrem Morgen weiter machen. Endlich weiter in der Routine. Ich schloss das Fenster und wand mich meinem eigenem Tageswerk zu. Flackernde Tabellen-Dokumente, lauwarmer Tee und Müsli, das ich am Abend vorbereitet hatte. Wie jeden Tag. Beim Essen starrte ich an meine weiße Wand. Zumindest war sie mal weiß gewesen. Ich kam aber irgendwie nie dazu sie zu streichen. Das einzige, was an meiner Wand hing, war ein Foto meines Großvaters. Ich wusste nicht, warum ich ausgerechnet das Foto meines Großvaters aufgehängt hatte. Ich mochte ihn nicht sehr. Er war ein langweiliger Mann gewesen, der nie etwas Aufregendes erlebt hatte. Für ihn war jeder Tag gleich. Wir hatten nie etwas gefunden, worüber wir miteinander reden konnten. Ich glaube nicht dass er jemals stolz auf mich war. „Du wirst niemals jemanden finden“, hatte er mir immer wieder gesagt. Das schien das einzige zu sein, worauf es ihn ankam. Dass man gut verheiratet wird.

Ich blieb tatsächlich alleine  und meine Tage verbrachte ich trotzdem mit dem immer selben. Meistens brütete ich über Papieren und Büchern und saß dabei scheinbar unnütz auf dem Sofa, auf dem Sessel, mit einem Glas oder einer Tasse in der Hand, dessen Inhalt der Jahres- und Tageszeit angemessen war. Wenn die Sonne schien, war es grüner Tee. Wenn es dunkel war und mich niemand mehr sehen konnte, war es Gin oder Whisky. Natürlich nur vom Feinsten, das war es mir wert.

Ich kochte zweimal die Woche. Meistens Donnerstag und Montag. Aufwendige Eintöpfe oder Suppen im Winter, Gemüse oder elaborierte Salate mit gerösteten Körnern im Sommer. Eintöpfe konnte ich einfrieren, um sie in anderen Wochen zu essen, zur Abwechslung. Egal was es war, ich machte immer genug, um mich mehrere Tage zu ernähren. Mein Gefrierfach war immer voll. Ich taute auf und aß, um neuen Platz zu machen. Jeden Tag hatte ich so etwas anderes zu essen, ohne ständig für mich alleine kochen zu müssen.

Ich hatte nicht viel, aber was ich hatte, investierte ich in meinen Genuss. Den Abend verbrachte ich vor meinem üppigen Bildschirm oder mit einem leichten Rausch und zu viel Musik. Nur laut musste es sein. Oder sehr still, um bald laut zu werden. Die Stille musste übertönt werden. Und die Kälte. In der Kälte gab es niemanden.

Dann fiel ich in mein großes Bett. Ich las noch einen Moment oder schaute etwas auf meinem Laptop an, bis meine Laken warm genug waren und ich so müde war, dass ich nicht länger gegen den Schlaf ankämpfen konnte. Mit halb geschlossenen Augen schob ich dann mein Buch oder meinen Laptop auf die ungenutzte Seite des Bettes und begann fast noch im selben Moment zu träumen.

Manchmal träumte ich gut, von der Musik und dem Rausch meines Abends. Und damit wachte ich dann auch auf und konnte den Gesang meiner Träume weitergeben durch mein Fenster zur Welt, in der Hoffnung, dass er irgendwann erhört würde. In der Hoffnung, dass…

In einer Nacht, war es nicht der Gesang aus meinen Träumen, der mich herumtrieb, sondern einer, der von der Straße zu mir hoch drang. Das Fenster stand offen, ich musste wohl vergessen haben es zu schließen. Ich spähte hinunter. Auf der Verkehrsinsel standen zwei Jugendliche. Ich warf meinen Bademantel über. Er roch nach meinem Großvater. Letztes Jahr beerdigten wir ihn und der Mantel passte mir.

Die zwei dort unten tanzten und sangen. Zwischen ihnen musste eine Box stehen, mit der sie wohl die Musik spielten, zu der sie sich bewegten. Ich mochte die Jugendlichen. Es war mitten in der Nacht, vier Uhr, aber sie tanzten weiter, als gäbe es keine einzige Sorge in der Welt.

Irgendwo knallte ein Fenster zu. Ich stellte mir meine Nachbarn vor, wie sie in ihren Betten lagen, sich die Kissen auf die Ohren drückten und die Realität aussperren wollten, um sich zurück in ihre Träume zu flüchten. Ich beneidete sie um diese Möglichkeit.

Barfuß und im Bademantel verließ ich meine Wohnung und nahm die breite Holztreppe nach unten. Meine Hände fuhren an dem restaurierten Jugendstilmustern entlang, als ich mit jeder Stufe der Kälte der Straße näher kam. Auf der Straße war es aber nicht so kalt, wie ich vermutet hatte. Der Asphalt unter meinen Füßen war fast warm. Die Verkehrsinsel war direkt vor meiner Haustür. Obwohl ich wusste, dass kein Auto kam, blickte ich nach links, bevor ich zu den Tänzern hinübereilte.

Auf dem Bordstein angekommen stockte ich. Die beiden hatten sich an der Hand und tanzten. Mann und Frau, glücklich vereint. Ich dachte kurz an das alte Pärchen von heute Morgen am Fenster. Dann an meinen Großvater. Die beiden waren anders. Von oben und in ihrer Bewegung hatte ich sie gar nicht richtig erkennen können. Ich dachte einer von ihnen lachte, aber sein Gesicht war gar nicht zu sehen. Unter seinen langen Haaren sah ich, dass er eine Maske trug. Vielleicht elfenbeinern, aber sie bewegte sich als wäre sie aus Stoff. Sie war bemalt mit großem Lachen und bunten Verzierungen. Die andere hatte fremdländische Züge. Es war aber nicht die Fremdartigkeit, einer Frau die von weit her kam, die sich anders bewegte, anders sprach und anders aussah. Sie – alle beide wirkten fremd, wie Leute die nicht von dieser Welt waren.

Dazu trug bei, dass ich aus der Nähe nicht mehr den Eindruck hatte, dass der Gesang aus einer Box kam, sondern dass es überall um uns herum aufspielte, als wäre ich in einem unsichtbaren Orchestergraben gelandet oder auf einem Jahrmarkt. Er war mitreißend. In der Bewegung und dem Takt der Musik meinte ich irgendetwas Verborgenes zu vernehmen. Ein Muster, von dem ich meine Aufmerksamkeit nicht lösen konnte und dass die Kälte und die Müdigkeit von mir wegspülte.

Der Maskierte wirbelte seine Frau durch die Luft, sie landete geräuschlos auf ihren Fußspitzen, spiralisierte um mich herum und nahm mich bei den Händen. Ihre Füße, nackt wie meine, bewegten sich so schnell, dass sie den Asphalt kaum berührten. In ihrem Gesicht sah ich kein Misstrauen und keine Distanz. Sie zog mich zu sich heran. Ich roch eine Hauch von Blumen, die ich nicht erkannte. Unter meinen Händen, die sie um ihre Hüfte schlangen, spürte ich dass ihr Kleid hauchdünn war und völlig ohne jegliche Reibung über ihre Haut glitt. Sie strahlte eine Wärme aus, dass ich jeden Gedanken an die Kälte endgültig vergessen konnte.

Dann bewegte ich meine Füße über die Straße und begann hell zu lachen, weil es keine Sorge der Welt mehr gab. Ich musste so laut lachen, dass der Ostplatz gar aufwachte und bald öffneten sich die Türen und Fenster und die Menschheit hörte uns zu und beobachtete uns und stimmte ein in unsere Musik. Da im Erker saß jemand in weißen Unterhosen und spielte sein Akkordeon. Ein anderer stimmte mit einer Blockflöte in den Tanz ein. Die Asiatin im Dachfenster, die am morgen immer ihr Make-Up in der ersten Sonne auftrug, öffnete ihr Fenster und begann zu singen. Sarah von gegenüber stolperte klatschend in ihrem Nachthemd auf die Straße. Die Haushälterin aus dem Erdgeschoss in der Acht stürmte mit einer gewaltigen gelben Tigerphyton um den Schultern aus ihrer Wohnung und begann zu tanzen.

Eine Tür nach der anderen sprang auf. Es kamen Massen, mehr Menschen als ich geträumt hätte, dass hier leben. In wenigen Augenblicken war die ganze Straße gefüllt. Viele trugen ihre Pyjamas oder hatten sich hastig Jacken übergeworfen. Für Schuhe hatte keiner mehr Zeit. Andere freilich hatten Kostüme oder Masken, ähnlich wie die des Tänzers bei mir. Wo sie herkamen, wusste ich nicht. Und ich wollte auch nicht weiter darüber nachdenken. Nichts Fremdes war mehr zu spüren. Wir alle waren nur noch Tänzer und Musikanten.

Ich wollte nur lachen und singen und ich verwandelte meine Nacht in Farbe. Den Gürtel meines Bademantels wirbelte ich durch die Luft und der Mantel wirbelte sich um mich, und ich fühlte nichts mehr, außer den Tanz und die Bewegung und die Farbe und den Gesang und die Musik und das Akkordeon und die Geige und die Flöte. Ich erkannte das geheime Muster in der Musik, ich erkannte den Marsch und ich verstand, wer es war, die da aufmarschierte.

Die Ärmel der Königin hingen in bunter Pracht von ihren dünnen Knochen bis zum Boden. Die Krone auf ihrem Kopf war nicht von goldenem Geschmeide oder Juwelen, sondern ein geflochtener Kranz aus vergorenen Beeren und Patschuli. Die Königin wurde getragen oder gezogen von sieben Ziegen und einem Ochsen, dessen Hufen wie Glocken auf dem Asphalt der Straße erschallten. Sie breitete ihre Arme aus und stieg zu mir herab.

Ich musste nur zu ihr treten. Ich brauchte nur Ja zu sagen und wir wären vereint. Auch ihrKörper strahlte eine unglaubliche Hitze ab, viel mehr noch als die Tänzerin, sodass ich fast meinen Bademantel abwerfen wollte. Und dann in der Hitze fühlte ich das Versprechen akzeptiert zu sein, angenommen zu werden. Ich sah es, roch es förmlich in dem süßlichen Duft, der ihr vorausging.

Ehrfurchtsvoll nahm ich sie in den Arm. Sie empfing mich mit heißen Lippen und ihre Gabe war Liebe. Meine Hände stahlen sich durch die Falten ihrer Roben und ich spürte die Haut ihres Rückens, glatt und warm. Jede Rippe konnte ich zählen, jeden Wirbel. Sie bestand nur aus Haut und Knochen, die etwas schief aneinander gefügt waren. So muss sich Liebe wohl anfühlen, dachte ich noch.

Ich erwachte zur Mittagssonne. Im ersten Moment stach sie in meine Augen und brannte auf meiner Haut, als würde sie mich nicht wollen. Als würde sie mir vorwerfen heute meine Pflicht verschlafen zu haben, sie zu grüßen. Normalerweise schlief ich nie lange. Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Dann rieb ich den wirren Traum der vergangenen Nacht aus meinen Augen und stellte mich ans offene Fenster. Draußen war alles wie immer. Leute gingen in die Mittagspause oder machten einen Spaziergang. Meine Stimme wollte nicht. Nur ein schales Krächzen verließ meine Lippen. Niemand hörte mich. Aber das alte Pärchen stand da, wo sie sonst nur den Morgen standen und sahen mich erwartungsvoll an.

Doch meine Kehle war zu trocken. Als hätte ich zu viel getrunken. Aber ich dachte gestern nichts getrunken zu haben. Nur den wirren Traum voller Musik und Farbe sah ich noch vor mir, langsam verblassend, je mehr ich nach ihm greifen wollte, wie es Träume so tun. Ich trug immer noch dieses warme Gefühl in meinem Bauch. Das Gefühl, das ich hatte, als ich in den Armen der Königin lag. Aber es verschwand gemeinsam mit den Erinnerungen an den Traum und ließ nur eine kalte Leere zurück.

Der Bademantel meines Großvaters lag auf der Straße. Verschmutzt, verdreckt von Reifenspuren. Ich war nie beeindruckt gewesen von meinem Großvater. Wie passend, dachte ich mir, wenn ich in seinem Mantel vor dem Spiegel stand und bemerkte, dass die Ärmel perfekt mit meinen Handgelenken abschlossen. „Du wirst niemals jemanden finden.“

Diesen Morgen sang ich also nicht. Die Sonne war bereits aufgegangen und wollte mich heute nicht. Ich schloss das Fenster und ließ das alte Pärchen zurück. Als ich vor das Haus trat, um meinen Mantel zu holen, drehte ich mich bewusst von ihnen weg, nur für den Fall, dass sie noch da waren. Ich wollte auf keinen Fall auf der Straße von ihnen gesehen werden, sondern schnell zurück. Die Arbeit wartete. Ich entschloss mich an diesem Tag im Bett zu arbeiten. Den schmutzigen Mantel wollte ich nicht tragen und Hosen kamen auf keinen Fall infrage. Das Bett war aber noch warm und ich wollte mich nicht zu viel bewegen, an diesem Tag. In Wirklichkeit hatte ich keine Kraft.

Obwohl Donnerstag war und mein Gefrierfach nur noch halb voll war, kochte ich nichts Neues, sondern bediente mich nur an meinen Reserven. Nach dem Essen las ich einfach ein Buch, das seit Monaten auf meinem Nachttisch lag. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, welches es war oder worum es ging. Ich ärgerte mich, dass mir die Erinnerungen des Traums so entwichen waren. Ich versuchte sie aufzuschreiben, aber je mehr ich sie in Worte fassen wollte, desto unwirklicher und ferner rückte die ganze Nacht.

Nach der Arbeit trank ich drei Gläser Whisky. Der Alkohol hielt mich auch eine Weile wach. Dann versuchte ich es nochmal mit dem Buch von meinem Tisch, hatte aber kaum drei Zeilen gelesen, als meine Augen zufielen und ich im Licht meiner Leselampe einschlief.

Ich erwachte nachts. Nur dass ich meine Augen nicht öffnen konnte. Sie waren zu getrocknet. Ich fühlte meinen Körper im Bett liegen, aber ich fand keine Möglichkeit ihn zu bewegen. Schon wieder. Die Kälte ergriff mich. Ich röchelte, versuchte mit den Fingern zu zucken. Langsam. Dann mit den Zehen. Ich würde jeden Zentimeter meines Körpers einzeln aufwecken, wenn es sein musste. Nicht zu viel Aufmerksamkeit mit einem Mal erregen, denn ich wusste bereits, was auf mich lauerte, ich wusste, dass es mich finden würde, wenn ich zu laut war, oder es nicht schaffte rechtzeitig aufzuwachen.

Nicht zu langsam aber auch nicht zu laut durfte ich sein. Aber ich musste auffällig genug sein, um mich selber zu wecken. Ich wackelte mit den Zehen. Endlich. Bewegung. Meine Muskeln erwachten. Als Nächstes drehte ich meinen Fuß, dann konnte ich mein Bein bewegen. Und der Zauber war gebrochen. Ich rief aus, laut, um mich zu wecken, schlug die Augen auf-

Ich träumte noch. Nichts hatte ich bewegt. Meine Augen waren geschlossen, meine Glieder vollkommen starr. Nur mein Geist war wach, gerade wach genug, um zu verstehen, dass er wach war, aber mein Körper noch schlief. Das Ding aus der Kälte, das hob seinen Kopf. Es hatte mich gewittert. Es sah, dass ich ihm hilflos ausgeliefert war, in seinem Reich, irgendwo zwischen der wachen Welt und dem Traum. Noch langsamer und umsichtiger musste ich sein, sonst würde es mich finden. Aber auch schnell, bevor es mich riechen kann. Zeh um Zeh, Fingerglied um Fingerglied. Bis ich wach genug war, um mich mit einem einzigen Schrei aus dem Schlaf zu erwecken.

Ich schreckte hoch. Finsternis umgab mich. Ich war wach. Sofort griff ich zum Schalter meiner Lampe, die Kreatur endgültig zu bannen, und dann fiel mir ein, dass ich doch mit dem Licht eingeschlafen war.

Ich schlief noch. Immer noch. Schon wieder. Ich war wieder tiefer in den Traum gerutscht. Natürlich. Ich spürte meine regungslosen Körper im Bett liegen, ja, das Licht war noch an, das Buch war mir aus der Hand gefallen und die Kante drückte mir leicht in den Hals. Das war mein Körper in der Realität. Vielleicht konnte ich meinen Kopf unbemerkt zum Licht drehen, damit es mich blendet und ich davon aufwachte. Ich brauchte einen Anker, irgendetwas in der Wachwelt, das mich zu sich holen konnte.

Dann war klar, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Meine Versuche im Traum waren aufgefallen. Das Ding aus der Kälte kam. Das Ding aus der Kälte war schon hier. Irgendwo. Es war soweit. Ich konnte bereits spüren, wie es an mir nagen würde. An meinen Knochen. Knochen mochte es am liebsten, das wusste ich. Ich hatte es ja gespürt. Doch dann war da noch ein starker, süßer Geruch. Den kannte ich noch nicht. Der war neu, er kam von woanders. Zwischen der Wachwelt und dem Traum lebte noch jemand anderes. „Meine Königin“, wollte ich sagen. Ich brachte es nicht über die Lippen. Ich wollte zu ihr rufen, damit sie mich bemerkte. Aber aus meiner Kehle hörte ich nur röcheln. Vielleicht laut genug, damit das Ding mich hörte, aber zu leise für meine Königin. Würde sie mich anfassen, das wusste ich, wäre ich gerettet.

Endlich schaffte ich es meine Augen aufzuschlagen, schaffte endlich etwas zu sagen und ich sah sie leuchten in der Dunkelheit, Königin der Nacht, aber doch warm und hell. Sie stürzte auf mich zu, sah meine Not und meine Hilflosigkeit und sie küsste mich und ich erwachte und ich spürte die Liebe und-

Und mir war klar, dass ich träumte. Meine Königin hatte mich nicht bemerkt. Sie kam nicht, um mich zu retten. Ich konnte sie nicht auf mich aufmerksam machen. Und sein eisig kalter Atem war schon bei mir. Ich konnte ihn spüren. Im Traum und in der wachen Welt. Er war irgendwo unter der Decke. An meinen Knöcheln, musste er sein. Jeden Moment würde er beginnen zu nagen und mich zu Essen, bei lebendigem Leib. Die Königin war die einzige, die mich noch retten konnte. Immerhin war sie eine Königin. Es war ihr Land.

Mit diesem Gedanken stürzte ich mich vollends in den Traum. Ich rauschte tief hinein, tauchte vorbei an dem Ding aus der Kälte, so schnell ich konnte. Ich hatte nur eine Chance. In der Wachwelt war ich unbeweglich, aber die Königin war keine Herrscherin der Realität. Und im Traum konnte ich so laut sein, wie ich will, solange das Ding mich davor nicht erwischte.

Und sie kam mir entgegen. Strahlend. Hell. Wunderbar. Dieses Mal wirklich. Ich rief zu ihr aus und in all ihrer Pracht eilte sie zu mir, mich zu retten. Ich spürte ihren warmen Atem auf meiner Haut. Ich roch das Patschuli. Von der Kälte war keine Spur mehr. Meine Panik war verflogen. Wie konnte ich jemals denken, dass mich das Ding kriegen könnte. Ich hatte doch meine Königin.

Sie legte ihre Hand auf meine Wange. Ihre knochigen Finger waren warm, fast heiß, und ihre Wärme durchfloss meinen ganzen Körper. Mit der Wärme kam aber eine neue Angst über mich. Eine Panik. Was wenn sie ihre Hand von mir weg nahm? Was wenn sie wieder gehen würde. Ich wäre wieder in der Kälte und das Ding wieder da.

Aber sie ging nicht. Sie kam über mich, wie die aufgehende Sonne. War sie die Königin des Morgens? Ihre Strahlen wärmten meinen Körper und sie tauchte meine Nacht in Farbe und Licht.

Ich blinzelte und sofort stach mir meine Nachttischlampe ins Auge. Ich hatte meinen Kopf direkt ins Licht gedreht und war jetzt wieder wach. Wirklich. Mein Handy verriet mir, dass es 7:29 Uhr war. Wie jeden Morgen, wenn ich aufwachte. Ich fühlte mich frisch. Das schlechte Gefühl von gestern war verflogen. Dass mein Bademantel noch schmutzig war, war mir heute egal. Ich warf ihn über meinen dürren Körper und öffnete das Fenster.

Die Menschheit vom Ostplatz stand versammelt auf der Straße. Kein Meter war mehr Platz, alle waren da. Die Haushälterin. Sarah. Der Flötenspieler. Sie schienen sich zu wundern, wo ich gewesen war und starrten mich erwartungsvoll an. Das alte Pärchen wie immer an ihrem Platz an der weißen Häuserwand blickte, wie mein Großvater aus dem Foto an meiner weißen Zimmerwand. Vermutlich standen sie dort den ganzen Tag, nicht in der Lage ihre Routine fortzusetzen, ohne meine Stimme zu hören. Und alle sollten sie hören.

Ich breitete meine Arme aus und mein Bademantel öffnete sich und einunddreißig Schwäne trugen mich hinab zum Ostplatz. "Meine Königin!" rief die Menge aus und Musik spielte auf zum Tanz und der Morgen verwandelte sich in Farbe, als die Sonne den Mond ablöste und ich sie mit offenen Armen begrüßte. Meine Gabe ist Liebe. Und ich bin nicht mehr allein.

Morning‘s here the morning‘s here the sky is clear the dark of night has disappeared.