
Die Krankenschwester - Melodien komponiert, einstudiert
Wilhelm öffnete seine Augen und war müde. Es war nicht die Müdigkeit des Körpers oder des Alters, er war fit und hatte lange genug geschlafen, das konnte er ja. Wenn es etwas gab, was er hatte, dann war es Zeit, auch wenn er es nie so empfand. Es war irgendwie die Eigenart der Dinge, dass man selbst, wenn man genug davon hatte, es irgendwie doch nicht reichte. Wilhelms Müdigkeit lag im Kopf und in der Seele. Er kam sich vor wie Sisyphus. Sie teilten eine Hölle. Immer das selbe versuchen, die selbe Arbeit, nur damit der Stein dann kurz vor der Spitze herunterrollte, und man von Vorne anfangen sollte. Es war zufälligerweise genau 1:00 Uhr. Das hatte nichts zu bedeuten Man konnte zu jeder Uhrzeit aufwachen. Man wachte ja auch jeden Tag auf. Dass man in der Minute Null aufwachte, das geschah statistisch jeden sechzigsten Tag und damit fast sechs mal im Jahr, wenn man, wie Wilhelm, keinen Wecker stellte. Es war nun mal einer dieser sechs statistischen Tage. Wilhelmine neben ihm schlief noch fest. Sie lag tief im Kissen und ihr Schlafhemd war etwas nach oben gerutscht. Er berührte sie nie, wenn sie schlief. Das würde er nie wagen. Zu friedlich und zu schön ist sie doch. Diese eine Erinnerung, die sollte für immer seine letzte sein, die immer wiederkehrende, hier neben ihr aufzuwachen. Die Erinnerung, die er mit ins Grab nehmen wollte, über die er so glücklich war, weil er sie sooft erleben durfte. Niemals sollte er sie stören. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, die Zeit ein wenig zurückzudrehen, sollte er sie durch sein Streicheln versehentlich wecken, aber einige Dinge waren einfach unantastbar. Man konnte auch nie genau sagen, welche Spuren es auf den Menschen hinterließ, sowas. Er legte seine Hand ganz nah an sie ran, nahe genug, um ihre Wärme zu spüren, aber nicht näher, auf keinen Fall näher, dann roch er behutsam an ihren Haaren. Obwohl sie ihm schon so vertraut war, konnte er sie immer noch riechen. Es war ja immerhin der Geruch, der ihn damals davon überzeugt hatte, mit dem Altern erst mal aufzuhören – um dann überhaupt alt zu werden, wirklich. Bei diesem Gedanken überkam ihn doch nochmal die tiefe Ruhe von gerechtem Schlaf.
Als Wilhelm das nächste mal aufwachte, war es genau drei Uhr. Genau drei Uhr. Eins und Drei. Einmal punktgenau aufzuwachen, das war eine Wahrscheinlichkeit von 0,016 Prozent. Unwahrscheinlich, ja, aber unwahrscheinlicher noch wäre es, wenn es nie passieren würde. Zweimal direkt hintereinander jedoch, die Chance war so gering, dass Wilhelm sie jetzt gar nicht ausrechnen wollte. Er stand auf, zog sich seine Socken an, seine schwarze Cordhose und das schreiend blaue Hemd von gestern, ohne es zuzuknüpfen. Heute war ein wichtiger Tag, so viel war klar, und er musste alles vorbereiten. Leise, mit seinen Hausschuhen in der Hand, um niemanden zu wecken, schlich er sich über knarzende Dielen in sein Studierzimmer.
Er war noch nicht ganz fertig, als die Sonne aufging. Früher hätte er sich beeilt, um den Sonnenaufgang zu schaffen, aber heute hatte Wilhelm gründlichere Ressourcen. Ähnlich archaisch kamen ihm jetzt Kerzen vor. Er genoss den Ostergottesdienst, wie jeder andere, und manche Wesenheiten kamen nur bei Kerzenschein. Wilhelm aber fand, dass alles Licht nicht eindrücklich genug ist. Überhaupt hatte man doch auch selbst im Jobst-Anwesen seit langem elektrisches Licht. Das war doch verbunden mit einer viel größeren Energiequelle als Kerzen und es sprach ja nichts dagegen weltliche Energien zu verwenden. Beschwingt von dem Omen der Uhrzeit hatte er seine letzte Komposition beendet. Es war ein heiteres Stück geworden mit einem schnellen Rhythmus, das war eigentlich das Wichtigste, der Rhythmus, auf den kam es ja an, wenn der richtig gewählt war, dann konnte er fast alles schaffen. Es war ein Marsch geworden, das musste es ja eigentlich sein, das mit dem Walzer, das war ja nichts gewesen, die letzten Male. Die Flieger waren einfach über ihn hinweggebraust und hatten die Hälfte der Innenstadt zerbombt. Das ging so nicht, das musste er ändern. Er schloss die Melodie tief in seinem Geist ein und legte die Hand auf seine alte Geige, wie im Gebet. Auf dass es dieses mal, dieses eine mal klappen würde.
Er war nicht immer ein Sisyphus gewesen. Er hatte viel geschafft, bevor er an diesem Punkt ankam. Diese letzten Meter nur, diese letzten Meter den Berg hoch, schienen unmöglich zu sein. Als er in den 50er Jahren anfing, war von der Stadt fast nichts mehr übrig gewesen. Lichtenberg war von der Karte radiert. Die bombensichere Ruine eines alten MAN-Werkes, eine nicht weiter beachtete Burg, irgendwo im süddeutschen Vorgebirge. Es war nicht einmal von den Geschichtsbücher noch richtig erfasst, dass es hier mal einen Dom gab, der im Bombengewitter komplett niederbrannte. Heute war die Stadt eine Größe. Über dreihunderttausend Einwohner. Und wenn Wilhelms Arbeit gelang, würde es noch ein paar mehr geben. Für jeden Menschen, jede Familie, die er vor den Bomben retten würde, würden exponentiell neue Familien herauswachsen, das war ja inzwischen fast eine ganze Generation. Einmal, als er am Schreibtisch gesessen war, hatte er leise, aber deutliche Zukunftsmelodien vernommen. Kontrolliert von den eigenen Kompositionen eines zukünftigen Ichs, nahm er seinen Federhalter in die Hand und schrieb eine Zahl auf. Sechsstellig. 345.678. Wieder ein klares Zeichen. Er verstand sehr schnell, dass diese Nachricht eine war, die ihm sagte, wann er aufzuhören hatte. So viele Leute sollte Lichtenberg haben. Er hätte vermutlich versucht weiter zu machen . Wieso musste er nicht verstehen, er traute seiner zukünftigen Umsicht. Wilhelm mochte vor allem den Gedanken, dass er sogar Leben rettete, das es bisher gar nicht gab. Nur, dass es all diese Menschen gegeben haben wird, wusste er, und seit dem wusste er auch wie viel. Er verteidigte Gottes Werk. Er atmete nochmal durch. Er hatten die Neukomposition jetzt vier mal gespielt. Das sollte reichen, hoffentlich. Der Notenständer wanderte zur Seite die Geige kurz in den offenen Koffer. Obwohl er im Haus war, setzte er seinen Hut auf – immerhin wollte er gleich noch raus – und rollte den schwarz-roten Perserteppich behutsam zur Seite, sodass der schon vor Jahren präparierte Kreis zum Vorschein kam. Er hatte ihn eingeritzt kurz nach dem Krieg. Die Sigullen, das war das, was er als erstes beherrscht hatte, die kannte er ja schon von seinem Großvater und natürlich aus den Büchern. Etwas altmodisch in der Tat, aber doch effizient. Wenig war so präzise und sein Vorhaben, das musste er präzise angehen, sonst musste er es gar nicht erst versuchen. In der Mitte der Kreises wollte er gerade den Bogen an die Saiten setzen, als es an der Tür klopfte. Es war ein leises, helles Klopfen, unterhalb der Türklinke. Henrietta. Wilhelm erstarrte in der Bewegung. Wenn sie nur in fünf Minuten wieder kommen würde. Nicht jetzt, Henrietta, Maus, dachte er sich, Papa muss arbeiten, danach bin ich den ganzen Tag für dich da. Er würde seine neue Komposition nicht ewig im Kopf behalten, würde sie wieder neu einspielen müssen und selbst dann, wäre er nicht mehr so beflügelt gewesen von dem gestalterischen Akt, den er vollzogen hatte, und den er ja auch versuchte zu bewahren mit den Leuten Lichtenbergs. Vielleicht würde sie weggehen, ihn kurz in der Küche suchen, oder im Garten, gerade genug Zeit für ihn, um sein Werk zu spielen und es dadurch zu vollenden. Er dachte schon, sie sei gegangen, so leise waren ihre kleine Füße, dass er sie nie kommen und gehen hörte, wenn sie nicht auf einen der alten Dielen trat, und das tat sie nicht, weil ihr das Knarzen Angst machte. Wenn Henrietta durch das Haus ging, war es immer ein einstudierter Tanz, bei dem sie genau wusste, wo sie hintreten durfte, und wo nicht, sogar unter den Teppichen. Es klopfte wieder. „Papa, du spielst ja schon.“ Spielen. Wilhelm war es wichtig gewesen, seinen Kindern schon früh beizubringen, dass auch Musik eine Form von Spiel war, mit komplexen Regeln, die man eher so im Bauch hatte, als im Kopf. Vielleicht würden sie sich dann dazu entscheiden auch ein Instrument in die Hand zu nehmen und früh anzufangen, früher als er damals. Natürlich hatte es jetzt dazu geführt, dass sie ihn besonders gerne beim Spielen beobachteten. Es hatte ja keinen Zweck. Wilhelm öffnete die Tür, die Geige noch in der Hand, nur einen Spalt breit, damit Henrietta den Kreis nicht sah oder sich fragte warum der Teppich zur Seite geräumt war. Er versuchte so ehrlich zu lächeln, wie er nur konnte. „Was ist denn, Maus, kannst du nicht mehr schlafen?“ „Die Sonne ist ja schon wach“, sagte sie in klarster Kindersprache, während sie sich die Augen mit einer Hand rieb, ihren Salieri mit der anderen dicht an das Nachthemd gedrückt, ein Ohr des Stoffhundes halb im Mund, auf dem sie rumkaute, wenn sie nichts sagte und der ihr lose an der Unterlippe hing, wenn sie sprach. „Hast du Hunger, Henrietta?“ „Ich habe einen Vogel gesehen am Fenster, der hat so gemacht.“ Und sie drehte ihren Kopf immer weiter, bis es nicht mehr ging und sie sich um die eigene Achse drehen musste. „Das war bestimmt ein Kauz“, Wilhelm bemühte sich geduldig zu sein, aber er merkte, wie ein Loch entstanden war, da wo er seine Aufmerksamkeit jetzt teilen musste, und er fühlte die Komposition heraus laufen, nutzlos im Nirgendwo versickern. „Und der hatte nur ein Auge offen.“ Sie führte den selben Tanz nochmal auf, mit einem geschlossenem Auge. „Ja, Maus, willst du nicht schon mal in die Küche gehen? Papa ist gleich da.“ „Ist Mama schon wach?“ „Nein, Mama schläft noch.“ Er begann nervös von einem Bein aufs andere zu treten. Die Melodie, er hatte sie gerade noch so fest in der Hand gehabt und jetzt verflog sie zwischen seinen Fingern, Stück für Stück. „Darf ich sie wecken?“ „Nein, bitte nicht Mama wecken.“ „Ich mag Kuchen.“ „Geh schon mal in die Küche, ich bin gleich da.“ „Können wir dann-“ Wilhelm brach sie abrupt aber sanft ab, indem er seine Finger auf ihren Mund legte. „Schhh… Geh schon mal in die Küche und ich bin dann gleich da.“ Henrietta sah ihn überrascht, mit großen Augen, verklärt an, fast als wäre sie der Kauz vor ihrem Zimmerfenster. Salieris Ohr glitt ihr geräuschlos von der Lippe. Dann erschrak sie plötzlich, ohne das Wilhelm genau wusste wovor, und klammerte den Hund jetzt auch noch mit der anderen Hand fest. Dann drehte sie sich um und rannte auf ihren kurzen Beinen davon Richtung Küche, ohne dabei den vorsichtig einstudierten Flurslalom zu vernachlässigen, sodass sie kein Geräusch auf dem Boden machte außer das schnellee Patzen ihrer kleinen Füße. Soll einer verstehen, was in Kinderköpfen vor sich geht. Wilhelm würde gleich jede Menge Zeit dafür haben. Er schloss die Tür hinter sich, ging die Neukomposition nochmal durch. Dann, als er sicher war, dass er sie noch im Kopf behalten konnte, stellte er sich in seinen Kreis und begann endlich zu spielen. Es war ein langsamer, leiser Ton, der über drei Takte an Stärke gewann, bis er anfing regelrecht zu klagen. Dann begann der Marsch. Schnell und Zackig ging es ins Feld, es war sehr militärisch, denn er zog ja auch in den Krieg, da war das wichtig. Die Melodie war alt, die konnte er schon, das klappte gut. Immer an der selben Stelle setzte das Schwindelgefühl ein. Zwei, drei Umdrehungen in seinem Magen. Fast war ihm, als würde er tatsächlich rückwärts marschieren, nur dass sich seine Beine nicht bewegten. Er schloss die Augen, in der Hoffnung sich so besser auf die Musik konzentrieren zu können, dann machte er sich gefasst auf den gewaltigen Ruck und - fast kamen ihm die eigenen Innereien hoch. Er spürte, wie sein Körper abnahm, mager war er, und sein Bauch leer. Seine Glieder wurden schwach vom Hunger, sein Hals, in dem er noch den Tee der Frühe geschmeckt hatte, war jetzt stattdessen staubig und trocken. Sein Hut saß woanders, ein bisschen weiter vorne. Seine Haare – jetzt ungeschnitten – kratzten auf seinen Ohren. Wilhelm schluckte das alles runter, fand dafür aber nicht genug Speichel in seinem Mund. Er hatte keine Zeit. Der erste Satz war vorbei, der schwierige Teil begann, jetzt musste er sich an die Neukomposition erinnern. Wilhelm öffnete die Augen und war da, wo er an dieser Stelle des Liedes immer war, am 25. Februar 1945 in der Nähe des Hauptbahnhofes. Fließend ging er in den zweiten Satz über, während die Royal Air Force aus den Wolken hervorbrach und auf Lichtenberg zusteuerte.